Buch-Tipp

Die Krux mit der Plastikkarte

Auf Teamsuche gehen, Lizenzanträge ausfüllen, medizinische Checks absolvieren und den Rennkalender formen – wenn sich der Winter seinem Ende zuneigt, sind die Planungen für die anstehende Saison bei den meisten Radsportlern bereits abgeschlossen. Ich habe dabei eine nicht ganz einfache Entscheidung getroffen: Erstmals seit sechs Jahren werde ich keine Rennlizenz mehr beim Bund Deutscher Radfahrer lösen. Grund hierfür ist vor allem ein Passus im BDR-Reglement, der nicht nur mir, sondern auch vielen anderen Amateuren, die den Sport als Hobby betreiben, zum Verhängnis werden könnte.

Wer bereits seinen Lizenzantrag ausgefüllt hat, kennt den Strafenkatalog Anhang A, der diesem in der heurigen Saison beilag. Dort werden nicht nur unangemeldete Auslandsstarts sondern auch die Teilnahme an “wilden” Rennen untersagt. Doch was sind nun “wilde Rennen”? Laut den Verantwortlichen meines Heimatvereins RSC Wolfratshausen “alle Rennen, die nicht vom BRV (Bayerischer Radsportverband) oder BDR genehmigt sind” – eine klare Aussage. Im Strafenkatalog steht es sogar noch strenger: “Radsportveranstaltungen, die nicht von einem der UCI angeschlossenen Verband ausgeschrieben wurden”, ist hier zu lesen.

Ich habe hier weiter recherchiert (unter anderem in einem Gespräch mit Peter Bohmann, Vizepräsident für Rennsport des BRV) - und tatsächlich gilt die Regelung wohl beispielsweise auch für kommerzielle Radmarathons oder Bergrennen, wenn sie nicht bei einem entsprechenden Landesverband angemeldet sind. Zwar will man sich beim Bayerischen Radsportverband “human” verhalten, aber letztendlich existiert der Paragraph doch – und damit auch die Androhung eines Sportrechtsverfahrens nach Strafenkatalog Anhang A.

Für mich persönlich hieße das, dass ich einige gravierende Abstriche in meiner Rennplanung machen müsste. Insbesondere mein großes Saisonziel, die Weltmeisterschaften der Journalisten, welche 2012 nicht mehr von offiziell vom Radsportweltverband UCI organisiert wird, dürfte ich nach dieser Regelung als Lizenzfahrer nicht mehr bestreiten. Zumindest würde ich Gefahr laufen, nach dem eingangs erwähnten Strafenkatalog nicht unerheblich (100 Euro beim ersten Vergehen, 200 Euro bei Folgeverstößen) zur Kasse gebeten zu werden.

Die Wahrscheinlichkeit einer Bestrafung ist zwar sehr gering – aber was heißt das schon. Darauf ankommen lassen will ich es nicht, auch wenn das in der Szene wohl von vielen Sportlern so gehandhabt wird. Ganz ehrlich: Auch als C-Fahrer sitze ich doch auf dem Rennrad, weil es mir Spaß macht und weil ich eine wahnsinnige Freude habe, mich im Wettkampf mit Gleichgesinnten zu messen und dabei noch etwas zu erleben. Wenn ich dann als Hobbyfahrer der untersten Amateurklasse ein Sportrechtsverfahren befürchten muss, nur weil ich ein landschaftlich und sogar sportlich reizvolleres Rennen in den um die Ecke liegenden Bergen einem öden, flachen Kriterium in einem zwei Autostunden entfernten Kaff vorziehe, dann muss ich einfach klar Stellung beziehen.

Ein Lizenzverzicht wird natürlich von vielen als “Rückschritt” gewertet. Für mich ist es das nicht. Wenn man sich nämlich die Ergebnislisten mancher “wilder” Rennen anschaut, erkennt man schnell, dass die Konkurrenz dort oft mindestens genauso groß und in der Spitze sogar höher ist als in der C-Klasse. Schon in der C-Lizenz-offenen Jedermann-Kategorie gibt es viele, die fünfstellige Jahreskilometerumfänge verzeichnen. Dazu kommt noch der Fun-Faktor, wenn Sportler aller Leistungsklassen – vom Exprofi bis hin zum Einsteiger – ihr Hobby teilen. Für mich ist jedenfalls eines sicher: Der BDR wird mit solchen Regularien dem Trend zum “professionellen Hobbyfahrer” nicht verhindern können – ganz im Gegenteil: Meiner Meinung nach wird er ihn sogar noch forcieren.

Im Endeffekt gilt sowieso eines: Wir alle sitzen auf dem Rad, um unsere eigene Leistung zu verbessern. Und die hängt schließlich vom Trainingsfleiß ab und ganz sicher nicht von einer Plastikkarte. Gelegenheiten, sich weiterhin mit Amateuren und sogar Profis zu messen, gibt es übrigens auch ohne Lizenz genug: Bei vielen Bergrennen oder Zeitfahren starten die “Hobbywanzen” nur wenig zeitversetzt oder sogar gemeinsam und auf der gleichen Strecke mit den vermeintlich Schnelleren – und nicht selten gibt es dabei eine Überraschung.

 

 

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