Der Wahnsinn – Podiums-Platzierung beim Giro delle Dolomiti

Es war der Höhepunkt meiner bisherigen Saison. Das komplette Jahr hatte ich auf den Giro delle Dolomiti ausgerichtet. Nachdem ich 2006 bereits 25. in der Gesamtwertung und Achter in meiner Altersklasse war, wollte ich dieses Mal noch einen drauflegen und beweisen, dass ich mit den Südtiroler Bergspezialisten mithalten kann. Und das gelang mir. Am Ende belegte ich den fünften Rang gesamt und mit Platz drei in der AK durfte ich sogar auf das Stockerl. Geeeeiiiillloooomaaaat! :D

1. Etappe

Mit dem Wort „Partenza“, das wir in den nächsten Tagen noch so oft hören sollten, war es dann endlich so weit. Der 31. Giro delle Dolomiti 2007 startete auf die erste Etappe. Nach 30 lockeren Einrollkilometern stand die erste harte Prüfung an: ein fast zehn Kilometer langes Bergzeitfahren nach Mölten. Ein steiler Anstieg mit fast durchgängigen zehn Prozent Steigung.

Ich wollte möglichst mit den Favoriten ganz vorne in den Berg hineinfahren. Am Hinterrad von Zelger fuhr ich über die Startlinie. Nach 500 Metern war mir bereits klar, dass ich dieses Tempo nicht mehr lange durchhalten könne. Also ließ ich Zelger ziehen. Ich musste für das hohe Anfangstempo büßen.

An Position neun liegend fand ich endlich meinen eigenen Rhythmus. Getrieben von der Musik in meinem Ohr konnte ich den Abstand zu den vor mir fahrenden Teilnehmern konstant halten und den Vorsprung zu den Hinteren ausbauen. Ich überholte sogar noch Konkurrenten und auf dem abschließenden Flachstück konnte ich nochmal richtig drücken. Auf einem genialen fünften Platz überquerte ich das Ziel. Am Ende des Tages sollte ich Sechster sein. Der Jubel war natürlich groß. Ein so gutes Bergrennen war ich zuvor noch nie gefahren …

2. Etappe

Die Schwierigkeit der zweiten Etappe bestand in der langen Anfahrt zur Zeitmessung. Diese begann direkt nach fast zehn Kilometern durchgehender Steigung. Somit hatte man schon mehr als 500 Höhenmeter in den Beinen, bevor das Rennen begann. Natürlich war dies nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was die Teilnehmer bei den folgenden Etappen erwarten würde.

Ich suchte mir bereits am Anstieg zum Ponte Aldino die Hinterräder meiner Konkurrenten. Die ersten Meter der Zeitmessung waren flach. Das Feld schoss geschlossen mit fast 50 Km/h in die Steigung hinein. Der gestrige Sieger Alexander Zelger übernahm sofort das Rennen. Er, Cassasa und Roberto Mich setzten sich schnell ab. Dahinter bildete ich zusammen mit Stefan Kaserer ein Duo. Allerdings wurden wir bald von der hinteren Gruppe geschluckt. Neben Stefan Kaserer befanden sich noch Edi Rizzi und Giorgio Pernigioni darin.

Wir harmonierten gut. Auf dem Flachstück versuchten sich Kaserer und ich abzusetzen, was aber nicht gelang. Im folgenden war es Rizzi, der mit Attacken uns alle an unsere Leistungsgrenzen brachte. Ich zählte die Kilometer herunter. Am Ende verlor ich im Zielspurt noch einige Sekunden – aber mit Platz sechs bewies ich, dass mein guter Auftakt keine Einzelleistung war.

3. Etappe

Die dritte Etappe war die längste des diesjährigen Giro delle Dolomiti. Es wurde die klassische Sella-Runde gefahren, welche landschaftlich einiges zu bieten hat. Bereits am gestrigen Tag hatte ich nach der Zeitmessung mit leichten Knieproblemen zu kämpfen gehabt. Heute hatte ich diese allerdings von Beginn an. Der späte Zeitpunkt des Cronometrato war daher nicht gerade günstig für mich. Immerhin waren es mehr als 70 Kilometer mit fast 2.500 Höhenmetern bis zum Start der gestoppten Strecke.

Die ersten Meter des Cronometro waren die Hölle. Meine Beine waren wirklich schlecht. Lange konnte ich Cassasas Tempo nicht halten. Bald flogen auch Alexander Zelger, Roberto Mich und Philipp Götsch an mir vorbei. Und auch Stefan Kaserer überholte mich. An seinem Hinterrad konnte ich mich aber verbeißen. Wie ein Hund an seinem Knochen hing ich an ihm. Ein Kilometer verstrich. Ein zweiter. Unendlich lang kam mir die Zeit vor. Ich war über dem Limit, aber mir war klar, dass ich dieses Hinterrad halten musste, um meine Gesamtplatzierung zu halten. Neben Kaserer und mir war noch Edi Rizzi und ein anderer einheimischer Fahrer in der Gruppe um Platz vier. Drei Kilometer vor dem Ziel holten wir sogar wieder Stefano Cassasa ein. An Führungsarbeit war für mich aber nicht zu denken.

Als noch ein Kilometer zu fahren war, trat Rizzi an. Er sprengte die Gruppe. Ich konnte nicht reagieren und versuchte meinen eigenen Stiefel ins Ziel zu drücken. 500 Meter vor dem Ziel hatte ich den Eindruck zu stehen, 200 Meter vor dem Ende fiel ich fast vom Rad. Langsam rollte ich über die Ziellinie. Fast hätte mich sogar noch ein anderer Fahrer eingeholt. 20 Sekunden musste ich auf meinen direkten Konkurrenten Kaserer abgeben. Im Tagesklassement belegte ich den siebten Rang.. Dafür konnte ich den dritten Platz in meiner Altersklasse erneut verteidigen.

4. Etappe

Die vierte Etappe hielt mit dem Passo Giau den wohl schwersten Berg des Giros für uns bereit. Ich fühlte mich aber gut. Nach Ruhetagen geht es mir traditionell immer besser. Nachdem wir den Passo Fedaia überquert hatten sollte die Zeitmessung von Selva di Cadora über 900 Höhenmeter bis auf den Gipfel des Giau stattfinden. Für mich ging es darum, Zeit auf meine direkten Konkurrenten herauszuholen, bzw. nichts zu verlieren. Immerhin war ich Dritter in meiner Altersklasse …

Ich hielt mich vor allem an Philip Götsch. Er war am Pordoi sehr stark gewesen und direkt hinter mir paltziert. Nach gut der Hälfte fuhren wir immer noch zusammen, aber ich merkte, dass er nicht gut drauf war. Ich versuchte ihn mit Rhytmus-Wechseln aus dem Konzept zu bringen, was schließlich auch gelang. Alleine machte ich mich auf die Verfolgung der Favoriten.

Und ich fand trotz der sengenden Bergsonne einen super Rhytmus. Kurz vor dem Ende holte ich sogar noch zwei Konkurrenten ein. Kurzzeitig hatte ich sogar noch Stefano Cassasa im Blick. Allerdings war er gut eine Minute vor mir. Am Berg sind ein paar hundert Meter halt doch ganz schön viel. Dennoch: Als Fünfter erreichte ich die Passhöhe des Giau – meine beste Tagesplatzierung. Da Götsch & Co. fast eine ganze Minute auf mich verloren hatte ich nun ein größeres Polster. Platz drei war gefestigt! :-)

5. Etappe

Die Entscheidung des Giro sollte an der Seiser Alm fallen. Aufgrund strömenden Regens verkürzten die Organisatoren die Etappe. Das Bergrennen wurde aber wie geplant durchgeführt. Eingekuschelt in dicke Regenjacken machte sich das Feld auf den Weg in die Berge. Es war scheißkalt. Vor allem wenn man sich seiner Schutzkleidung entledigte. Das machte ich glatt zehn Kilometer zu früh. Vertraue nie einem Konkurrenten, wenn er dir Streckenbeschreibungen gibt …

Als die Zeitmessung begann war ich trotzdem heiß für das Rennen. Ich wollte den dritten Platz nicht am Hinterrad verteidigen sondern angreifen. Also stiefelte ich mit Zelger und Cassasa in den Berg. Nach einem halben Kilometer bekam ich allerdings bildlich aufs Maul und musste mein Tempo suchen – sonst wäre ich geplatz. Im Folgenden fiel ich in eine Gruppe zurück, in der sich alle direkten Konkurrenten befanden: Götsch, Kaserer, Rizzi …

Gemeinsam kämpften wir uns in der kalten Nässe den Berg hoch. Jeder versuchte zu attackieren um den anderen abzuschütteln. Aber keiner kam entscheidend weg. Es war ein tolles Rennen, das richtig Spaß machte. Auch wenn ich echt sehr leiden musste. Am Ende reichte es für mich zum achten Rang. Nur Sekunden fehlten auf eine Top-vier-Platzierung. Aber ich war nun gewiss: Vom dritten Platz in Bozen trennten mich nur noch die vier Kilometer des abschließenden Bergrennens am nöchsten Tag.

6. Etappe

Der letzte Tag beim Giro war wie im Vorjahr eine Ehrenrunde. Die Zeitmessung am Mendelpass war mit vier Kilometern so kurz, dass es keine entscheidenden Abstände mehr geben sollte. Dennoch wollte ich noch einmal mit einem guten Tagesergebnis zeigen, dass ich im Laufe des Etappenrennens bewiesen hatte, dass ich auch bei internationalen Bergrennen konkurrenzfähig bin.

Ich hielt mich die ganze Etappe an Alexander Zelger. An seinem Hinterrad wollte ich so lange wie möhlich hängen. Und das gelang mir bis eineinhalb Kilometer vor dem Ziel. Dann musste ich ihn, Cassasa und Mich ziehen lassen. Als Vierter erreichte ich schließlich die Ziellinie. Am Ende reichte das dennoch nur zum achten Rang. Netto-Zeit lässt grüßen.

Danach war dennoch feiern angesagt. Ich hatte es geschafft: Platz fünf in der Gesamtwertung und Dritter in der Altersklasse – ein echt geiles Ergebnis. Dementsprechend ausfallend fiel die Ehrenrunde an der Südtiroler Weinstraße aus :D . Ein besonderes Highlight war für mich die Siegerehrung in Bozen. Ich durfe neben Top-Fahrern des Giro wie Zelger auf dem Podium stehen. Ein tolles Gefühl, für welches sich alle Strapatzen gelohnt hatten!

Ergebnisse:

Fotogalerie:

Und hier noch etwas aus der Outtakes-Abteilung. Das berühmte Zehennagel-Video … :D


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